Peter Behrens

geb. Hamburg 14.04.1868, gest. Berlin 27.02.1940

Peter Behrens ca. 1903

Peter Behrens wird als Sohn eines Gutsbesitzers noch in einer bäuerlichen Zeit geboren.
Am Gesamtkunstwerk orientiert versucht er der aufkommenden industriellen Welt ein umfassend durchgestaltetes Gesicht zu verleihen, wie es die bäuerliche Welt ja auch hatte.

Peter Behrens studierte von 1886 bis 1889 in Hamburg Düsseldorf und Karlsruhe Malerei.
1890 heiratete er Lilly Krämer aus Gemünden am Main und zog nach München. Zunächst. arbeitete er als Maler, Illustrations-, Buch- und Schriftkünstler und begann dann mit kunstgewerblichen Arbeiten. Er bewegte sich in Münchner Boheme-Kreisen und setzte sich gleichzeitig mit lebensreformerischen Fragen auseinander. Zu seinem Freundeskreis zählten unter anderem Otto Julius Bierbaum (1865 – 1910), Richard Dehmel (1863-1910) und Otto Erich Hartleben(1864 – 1905). Als Maler war Peter Behrens Mitbegründer der Münchner Sezession. Als Kunstgewerbler gründete er zusammen mit Hermann Obrist (1863 – 1927), August Endell (1871 – 1925), Bruno Paul (1874 – 1968), Richard Riemerschmid (1868 – 1957) und Bernhard Pankok (1872–1943) die „Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk“ zur Serienherstellung von Gebrauchsgegenständen.


Der Kuss, 1893
Haus Behrens, Mathildenhöhe Darmstadt, 1901

1899 folgte Peter Behrens dem Ruf des Grossherzogs Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein als zweites Mitglied an die neu ins Leben gerufene Darmstädter Künstlerkolonie. Dort baute er auf der Mathildenhöhe als Autodidakt sein erstes Haus. Peter Behrens entwarf ein Gesamtkunstwerk, das von der Gartenanlage über das Gebäude, bis zur Inneneinrichtung (Möbel, Lampen, Teppiche, Geschirr, Gläser, Bestecke, Handtücher, Dekorationen, Gemälde usw.) nach seinen Entwürfen realisiert wurde. Das Behrens-Haus stellt einen wichtigen Wendepunkt im Leben von Peter Behrens dar. Es bedeutete seinen endgültigen Abschied von der Münchner Künstlerzeit, seine Distanzierung vom Jugendstil und seine Hinwendung zu einem streng sachlichen Designstil.

Signet Inselverlag

Signet Mannesmann

AEG Signet 1907

AEG Signet 1912


1903 wurde Peter Behrens als Direktor an die Düsseldorfer Kunstgewerbeschule mit dem Auftrag berufen, diese zu reformieren. Es gelang ihm äusserst erfolgreich. Er berief als neue Lehrer u.a. Josef Bruckmüller, Max Benirschke, Rudolf Bosselt, Fritz Hellmuth Ehmcke, Johannes L.M. Lauweriks.

1907 gehörte Peter Behrens zusammen mit zehn weiteren Persönlichkeiten u.a. Theodor Fischer (1868 – 1938), Josef Hoffmann (1870 – 1956), Josef Maria Olbrich (1867 – 1908), Bruno Paul , Richard Riemerschmid, Fritz Schumacher, (1869 – 1949), und zwölf Firmen, u. a. Peter Bruckmann & Söhne, Eugen Diederichs Verlag, Gebr. Klingspor und die von Behrens mitgegründeten Vereinigten Werkstätten, zu den Gründern des Werkbundes (DWB). Die Gründung wurde durch die Lebensreform- und die handwerks- und klassen- orientierte Arts & Crafts- Bewegung beeinflusst, hatte jedoch von vorneherein sehr viel modernere Ziele wie z.B. die Befürwortung der Industrie als Gestaltfaktor, Umwandlung der Klassen- in eine egalitäre Massengesellschaft und Rehumanisierung von Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Wie kaum ein anderer verkörperte Peter Behrens in seiner Person und seiner Tätigkeit für die AEG die Ideale des Werkbundes. Dies trug ihm den Spitznamen „Mister Werkbund“ ein.


AEG Sparbogenlampe 1907 mit Reflektor, Ersatzwiderstand, Mattglasschirm
Bogenlampe P.L. mit Laterne 1907 für indirekte Beleuchtungssituationen

1907 hatte die von Emil Rathenau (1838 – 1915) gegründete AEG (Allgemeine Elektricitäts Gesellschaft) auf Empfehlung von Paul Jordan , dem fast alle AEG-Werke unterstanden, Peter Behrens als „Künstlerischen Beirat“ berufen. Es war das erste Mal in der Geschichte der Industrie, dass ein Grossunternehmen einen derartigen Schritt tat, und er blieb es von seinem Umfang her bis heute. Von kleinen Anfängen ausgehend (Veränderung der Bogenlampe), konnte Peter Behrens das Erscheinungsbild der AEG vom Briefkopf über das Firmenzeichen, das Produktdesign, das Werbematerial, das Ausstellungswesen bis hin zu vielen grossen Fabrikbauten prägen. Dazu zählt auch sein bekanntester Bau, die lichtdurchflutete Turbinenhalle, die als „Kathedrale der Arbeit“ bezeichnet wurde.


AEG Turbinenhalle, Berlin 1909/10

Schriftzug Dem Deutschen Volke

Peter Behrens war ein noch relativ junger Mann von 39 Jahren, als er 1907 zum “Künstlerischen Beirat” der AEG berufen wurde und sah aus wie auf der obigen Abbildung. Er war kein weisshaariger alter Herr mit Brille, wie ihn die Nachfolgegesellschaft der AEG, die Firma Electrolux, 2006 in einer Werbekampagne 100 Jahre später vermarktete. In seiner Tätigkeit für die AEG als „Künstlerischer Beirat“ war er auch kein Angestellter oder Mitglied der Geschäftsführung, wie oft falsch behauptet wurde. Die Aufträge für die AEG bearbeitete er wie die für andere Auftraggeber in seinem Neubabelsberger Atelier als freier Designer und Architekt. Ihm wurden in dieser Zeit u. a. auch der Mannesmann-Verwaltungsbau in Düsseldorf und der Bau der Deutschen Botschaft in St. Petersburg und viele Design-Aufgaben übertragen, wie z.B. die schriftkünstlerische Gestaltung der Inschrift am Deutschen Reichstag „DEM DEUTSCHEN VOLKE“.

Zwischen 1907 und 1912 arbeiteten in seinem Büro als damals 20 – 30 jährige Schüler Walter Gropius (1883 -1969), Ludwig Mies van der Rohe (1886 – 1969), Charles-Edouard Jeanneret (1887 – 965), der sich später Le Corbusier nannte, ferner Adolf Meyer (1881-1929), Jean Krämer (1886 – 1943) und viele weitere, die ca. 20 Jahre später die Architektur der Moderne international bestimmten.

Mies van der Rohe bekannte später seinen Leitsatz „Weniger ist mehr“ von Peter Behrens übernommen zu haben. Und Walter Gropius schrieb „Sein umfassendes und gründliches Interesse an der Gestaltung der gesamten Umwelt …hatte grosse Anziehungskraft für mich“. Die von Gropius und Meyer in Alfeld gebauten Fagus-Werke setzten ebenso wie das Gebäude des Bauhauses in Dessau die bei der Trubinenhalle eingeschlagene Beziehung von Konstruktion und Gestaltung fort.

Peter Behrens war Vorbild für die nachfolgenden Generationen geworden.

1921 erhielt er erneut einen Ruf an die Kunstgewerbeschule Düsseldorf, nahm jedoch 1922 eine Berufung an die Akademie der Bildenden Künste in Wien an, wo er als Professor ein Meisteratelier der Architektur leitete. Nach dem Tod von Hans Poelzig (1869 – 1936) übernahm er 1936 die Architekturabteilung an der Preussischen Akademie der Künste in Berlin.

In den 1920er Jahren wurden die beiden Architekturbüros von Peter Behrens in Neu-Babelsberg und Wien mit bedeutenden Bauaufgaben betraut, u. a. dem Verwaltungsgebäude für die Farbwerke Hoechst, das Peter Behrens einziger expressionistischer Bau blieb, dem Lagerhaus der Gutehoffnungshütte in Oberhausen, einem Terrassenhaus auf der Weissenhof-Siedlung in Stuttgart, der Villa Gans in Falkenstein, der Synagoge in Zylina.


Lagerhaus der Gutehoffnungshütte, Oberhausen 1921/25

Haus Karl Lewin, Berlin-Zehlendorf 1929/30
Synagoge, Zylina 1929

Austria Tabak Regie, Linz 1933

Mit dem Wohnhaus „New Ways“ für Wenman Joseph Basset Lowke in Northampton schuf Peter Behrens den ersten Bau der Moderne in England. Behrens’ Anfang der 1930-er Jahre für die Austria Tabak Regie entworfener Baukomplex in Linz „ist zweifellos das beste, das nach 1933 auf deutschem Boden errichtet wurde“ schrieb L. Benevolo. Die Nationalsozialisten brandmarkten Peter Behrens als „Kulturbolschewisten“ und „Philosemiten“ und schlossen ihn von staatlichen Aufträgen aus.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte Peter Behrens Bahnbrechendes geleistet. Seine Gedanken wurden durch seine Schüler, insbesondere Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier in die Welt hinausgetragen. Peter Behrens’ Erfindung der „Corporate Identity“ beeinflusste später Unternehmen wie z.B. die Firma Braun. Die Entwicklung einer ganzheitlichen Gestaltungsphilosophie wurde inzwischen weltweit zum Leitsatz und Peter Behrens zu einem Klassiker.


Literatur:

Anderson, St. O.„Peter Behrens and a New Architecture for the Twentieth Century“, Cambridge , Massachusetts – London 2000

Asche, K. “Peter Behrens und die Oldenburger Ausstellung 1905”, Berlin 1992

Buddensieg T. u. Rogge H. „Industriekultur- Peter Behrens und die A EG“ , Berlin 1979

Buderath B. (Hrsg) „Peter Behrens – Umbautes Licht“, München 1990

Cremers P.J. „Peter Behrens“ Essen 1928

Friedel S. Frh. v. „Die Neubauten und Betriebseinrichtungen der Tabakfabrik Linz“
(Vors. Red.-komitee) Wien /Salzburg 1936

Hoeber F. „Peter Behrens“ München 1913

Hoepfner W. / Neumeyer F. “Das Haus Wiegand von Peter Behrens in Berlin-Dahlem”, Mainz 1979

Kadatz H.-J. „ Peter Behrens“ Leipzig 1977

Krawietz G. „Peter Behrens im Dritten Reich“, Weimar 1995, Dissertation Buddensieg T.

Moeller G. „Peter Behrens in Düsseldorf, die Jahre von 1903 bis 1907“, Weinheim 1991, Dissertation bei Buddensieg T.

Neumeyer F. “Die Ambivalenz der Konzepte: Konstruktion oder Deutung der Wirklichkeit? Berlage oder Behrens? Hegel oder Nietzsche?“ in „Mies van der Rohe – Das kunstlose Wort“ , Berlin 1986

Pfeifer H.-G.(Hrsg.) „Peter Behrens – Wer aber will sagen, was Schönheit sei?” Düsseldorf 1990

Pysall H.-J. (Hrsg.) „Das Alexanderhaus- der Alexanderplatz“ Berlin 1998

Windsor Alan „Peter Behrens Architect and Designer 1868 -1940“, London 1981, deutsch Stuttgart 1985

Katalog Peter-Behrens-Ausstellungen in Pfalzgalerie Kaiserslautern, Karl-Ernst-Osthaus-Museum Hagen, Akademie der Künste Berlin, Darmstadt, Wien, 1966/67

Katalog Ausstellung „Peter Behrens und Nürnberg“, Nürnberg 1980

Katalog Ausstellung „Peter Behrens-Berlin Alexanderplatz“ Kaiserslautern 1993